Malerei.Grafik.Objekte

 

 

 

 

Die Wände von Sonja Blattners Atelier sind mit Bildern ausgekleidet. Dutzende von Ihnen mit hellen kontrastreichen Farben une unregelmäßigen Linien. Ihre Skulpturen, große, hohe, dünne Häuser, die auf absurd langen Stelzen sich ausbalancieren wie Giraffen, stehen in Regalen. Blattners Atelier ist ein faszinierendes Universum von Häusern, die unterschiedlich einladen oder abstoßen, einschüchtern oder abschrecken. Sie existieren wie auf ihrem eigenen Planeten, wo der Himmel grün oder weiß oder gelb oder der Boden lila oder blau sein kann. In ihrem Atelier zu stehen ist wie in der Mitte eines wundervollen alternativen Universums von Häusern zu stehen.

Während ihre Bilder fantastische Welten darzustellen scheinen, basieren sie auf tatsächlich existierenden Häusern in Europa und den Vereinigten Staaten. Ihre vielleicht eindrucksvollste Serie umfasst Häuser in der ehemaligen DDR, die sie "drüben" nennt. Früher die umgangssprachliche Bezeichnung für die DDR. Blattner hat über 3400 Arbeiten in der "drüben" Serie produziert in den letzten 20 Jahren, meist im Format 14 x 21 cm in Gouache und Acryl und das Projekt ist noch nicht abgeschlossen. Wenn man aus dem Serientitel nicht wüsste, dass es sich um Häuser in der ehemaligen DDR handelt würde man das nicht erwarten. Sie hat ihnen ein neues Leben verliehen und ihnen anstelle des berühmten allgegenwärtigen Braungrau der DDR leuchtende, lebendige Farben verliehen. Das vielleicht beeindruckendste an dieser Serie ist jedoch, dass sie aus Tausenden von Gemälden besteht, keine zwei sind sich in Komposition oder Farbgebung gleich. Ihr spezieller Einsatz von Farbe und der unverwechselbare Stil verleihen der Serie Kontinuität.

 

Blattners Häuser existieren in Umgebungen, in denen keine menschlichen Objekte vorhanden sind. In einigen Bildern können ein Auto oder Straßenschlilder zurückgeblieben sein. So treten die Häuser in ihren jeweils eigenen Charakteren in den Vordergrund. Einige laden ein, andere scheinen menschlichen Kontakt zu vermeiden. In einigen Bildern vermittelt die Perspektive dem Betrachter das Gefühl vorbei zu eilen und nur einen Blick auf das Haus zu erhaschen. In anderen steht der Betrachter an einer unsicheren Position zum Haus, gleichzeitig in der Nähe und in der Ferne als wäre er perspektivisch hineingezoomt.

 

Blattners Häuser tun etwas Besonderes , das ein Kombination aus Entfremdung und faszinierender Anziehungskraft hervorruft. Die Häuser sind abstrahiert vorhanden als Form, Farbe und Pinselduktus. Frei von Bewohnern und Spuren menschlichen Lebens rufen sie nicht die typische emotionale Bindung oder materielle Bedeutung von Zuhause hervor. Sie scheinen stattdessen andere Emotionen zu zeigen, die von den Häusern selbst auszugehen scheinen. Einige der Häuser scheinen sogar für sich selbst zu sprechen. "Huuh" ist der onomatopoetische Titel eines ihrer Werke als wollte er Erschöpfung ausdrücken. "Einsam" ist ein anderes. Die Textur und Materialität dieser Häuser rufen auch keine Assoziationen mit der Materialität und Textur eines Heims hervor. Vielmehr stammen ihre Textur und Materialität aus dem Medium der dicken Pinselstriche und der Farbschichtung. Blattners Häuser behaupten ihre Unabhängigkeit von Menschen und widersetzen sich den Heimatidealen von Gemütlichkeit und Stillstand, die in der deutschen Kulturfantasie so sehr geschätzt werden. Aber irgendwie ziehen sie den Betrachter an und faszinieren uns mit der Würde und dem Charakter, die sie gewonnen haben indem sie sich von der üblich vertrauten Assoziation vom Heim gelöst haben.

 

Obwohl diese Häuser nocht von menschlichen Aktivitäten belastet zu sein scheinen, Blattners Ausgangsmaterial ist alles andere als das. Die "drüben" Serie zeigt Häuser in der ehemaligen DDR, die versteigert werden. Einige sind verlassen und verfallen. Einige haben vermutlich Eingentümer, die sich von dem Haus und seinen finanziellen Belastungen befreien wollen oder müssen. Keines von ihnen ist bewohnt, was die Leere erklärt mit der Blattner als Thema arbeitet. Die Kenntnis dieses Quellenmaterials wirft jedoch auch Fragen über das Schicksal der Menschen auf, die sie einst besaßen und bewohnten. Warum wurden diese Häuser verlassen oder warum werden sie aufgegeben? Sind ihre Besitzer nach der Wende (oder vielleicht schon vorher) weggegangen? Wurden sie vor kurzem gezwungen aus finanzieller Not zu verkaufen. Und wer kauft diese Häuser im Osten?

 

Blattners Häuser, die jeweils in den ersten Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts und zu einer Zeit gemalt wurden als diese noch auf dem Markt waren sind ein passendes Schlußwort für das Studium kultureller Produktionen, die die neuen Eigentumsverhältnisse in der ehemaligen DDR beschreiben. In Blattners Gemälden, wie in den vorhergehenden Kapiteln der Monografie diskutierten Erzählungen, haben Häuser eine dauerhafte Materialität und Form, die sie an die Schnittstelle einer neuen kapitalistischen Gegenwart und einer schwierigen nationalen Vergangenheit stellen. Wie die Häuser von Judith Hermann ("Sommerhaus später", 1998), Karen Duve ("Regenroman", 1999) und Juli Zeh ("Unter Leuten", 2016) haben Blattners Häuser eine Fürsprache und Persönlichkeit. Wie das Haus in Jenny Erpenbecks "Besuch" (2008) existieren ihre Häuser in harmonischer Beziehung zur Landschaft als ob sie organischer Teil der Umwelt wären. Und wie jedes Haus, das in den Nachrichtenmedien, im Fernsehen, in Filmen und in fiktiven Texten, die in dieser Monografie besprochen wurden, hängen ihre Eigentumsverhältnisse in der Luft. Was an Blattners Häuser so faszinierend ist, ist das gleichzeitige Spielen mit und der Widerstand gegen die gründliche Kommerzialisierung des Eigenheims.

 

Anders als in den literarischen Darstellungen der Heimat bei Erpenbeck und Zeh ist der Kapitalismus nicht so allgegenwärtig, dass er alle Aspekte ihrer Häuser bestimmt. Blattner nimmt Häuser, die in der realen Welt in erster Linie als Immobilien betrachtet werden als potenzielles Eigentum von Verbrauchern und gibt ihnen dann Leben auf unkonventionelle Weise, nicht als Behälter menschlichen Lebens sondern als sich selbst in ihren eigenen Ausdrucksmaterialität und Form. Bis heute ist die Frage des Eigentums im Osten ungelöst. Eine Reihe von Rückerstattungsfällen ist noch anhängig und es bestehen weiterhin staatliche und nationale Ämter für die Regelung von Fragen des offenen Eigentums. Wie gesagt geht das "drüben" Projekt von Sonja Blattner weiter und sie sieht wenig Grund dafür das Projekt irgendwann bald abzuschließen.

                                 

Während sie bisher 3400 Häuser gemalt hat gibt sie damit eine Ausschnittsmenge der Häuser, die leer gestanden haben oder leer stehen in der ehemaligen DDR. Ihr Projekt katalogisiert Häuser repräsentativ und bezeugt gleichzeitig in seiner Selektivität und Skalierung die anhaltende Unsicherheit über die Eigentumsverhältnisse in der ehemaligen DDR.

 

Auszug aus: Domestic Disputes, Necia Chronister, De Gruyter, Bosten, 2021

Aus der Reihe Geman Cultural Studies, hrsg. von Irene Kacandes

 

https://www.degruyter.com/document/doi/10.1515/9783110673975/html

Nicht maßgebliche Übersetzung von Sonja Blattner

 

 

 

 



Sonja Blattner malt Häuser. Bauten, die seltsam aus dem Lot geraten sind, verrückt und zu schweben scheinen, unorthodoxe Anbauten oder Farbgebungen aufweisen und immer wieder mit surrealen Elementen kombiniert sind. Immer sind es Häuser, die nicht mehr bewohnt sind. Sie stehen zum Verkauf oder sind bereits abegerissen worden, in New Jersey, Florida oder Ostdeutschland.

Alle ihre Häuserbilder sind Portraits. Sonja Blattner malt, was an den Häusern haftet oder was sie erspürt, was ihnen haften könnte, die Schicksale ihrer Erbauer/innen und ehemaliger Bewohner/innen. Auch auf den Zustand der Nachbarschaft lassen die Häuser schließen. Basierend auf einer Mischung von Recherche und Projektion sind Sonja Blattners Häuser Portraits von Seelenlandschaften und der Verfassung einer Gesellschaft. Abbildungen in Auktionskatalogen und Immobilienanzeigen dienen ihr als Vorlage, um der Darstellung des Hauses im Malakt die Darstellung seiner (möglichen) Geschichte hinzuzufügen.

Es geht um Risse in Wirklichkeiten und Wahrnehmungen. "Im Grunde sind es alles Träume und Albträume", beschreibt sie ihre Arbeiten "und bei manchen Bildern ist die Zukunft schon mit drauf".

Dr. Silke Feldhoff, 2012

 



Die tote Stadt - Im Moloch der Meditation

 

Berlin - Stadt pulsiert, lebt, unaufhörlich, ununterbrochen. Wie kann ein solcher Ort zum Mittelpunkt der Meditation, des Innehaltens werden, eine „Kirche des Gewesenen“ gar?

Im Kronenboden von Karen Stuke gibt die Künstlerin Sonja Blattner ab Ende September mit ihren Skulpturen und Gemälden in einer neuen Ausstellung Antworten darauf.

Erinnerungen an Korngolds „Die tote Stadt“ sind erwünscht. Der Kronenboden hat sich im vergangenen Jahr den Ruf erarbeitet, ebenso ausgefallene wie künstlerisch hochwertige Veranstaltungen zu organisieren. Mit der Ausstellung „Die tote Stadt“, die Bilder und Skulpturen von Sonja Blattner zeigt, ist ab Ende September wieder ein besonderes Erlebnis zu erwarten. „Die tote Stadt“, von Erich Wolfgang Korngold komponierte und 1920 in Hamburg und Köln uraufgeführte Oper, erzählt die Geschichte eines Mannes, der sich nach dem Tod seiner Frau in ein Zimmer in Brügge - die „Kirche des Gewesenen“ - zurückzieht, um sich der Trauer hinzugeben. In seinem Rückzug, seiner Meditation, seinem Innehalten erscheint eine andere Frau, die ihm seine wahre Liebe abverlangt. Das endet mit dem Tod der Frau und dem Abschied des Protagonisten von der Stadt. Rückzug, Flucht aus dem Moloch als Lösung?

Sonja Blattner bezieht einen anderen Standpunkt. Aus ihrer Sicht ist gerade die Stadt mit ihren dunklen Straßenzügen der Rückzugspunkt, um zur Ruhe zu kommen, einen Ruhepunkt zu finden. In der ganzen Zerrissenheit, im Auseinanderfallen, ist nicht die Abkehr von der Stadt die rechte Lösung, sondern das sich Einlassen, die Hinwendung verspricht die wahre Meditation.

Wie viel Farbe verträgt eine solche Betrachtungsweise? Auch darauf hat Blattner eine überraschende Antwort.

Sie zitiert Matisse: „Schwarz ist die Farbe des Lichts.“ Schwarz saugt das Licht in sich auf und glänzt und leuchtet so viel mehr als alle anderen Farben.

In dieser Welt scheinbarer Widersprüche präsentiert sich das Werk Blattners als Aufbruch in neue Denkweisen - und da findet sie wieder mit Korngold zusammen.

Sonja Blattner, geboren 1955 in Konstanz, hat Philologie in Mainz studiert. Nach dem Studium der Malerei an der Hochschule der Künste Berlin wurde sie 1996 zur Meisterschülerin Karl-Heinz Herrfurths ernannt. Sie lebt und arbeitet in Berlin.

Michael S. Zerban, 2009

 

Sonja Blattners fragilen Häusern auf Stelzen haftet eine Lebendigkeit an, die von der Materialität ausgeht, aber auch von der räumlichen Anordnung der unterschiedlichen Objekte.

Sind dies Häuser oder nicht doch Lebewesen, die sich hier im großen Kiesraum der Galerie eingefunden haben? In ihrer verletzlichen Schönheit lässt sich Menschengeschichte und Schicksal ablesen.

 

Lausitzer Rundschau